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Fragen und Antworten zum Umweltschaden in Natzing

Wie ist der aktuelle Sanierungsstand?

Retentionsfilterbecken Natzing

Die Gemeinde Eggstätt möchte im Folgenden über die PFAS-Thematik im Zusammenhang mit dem Schadensfall im Gewerbegebiet Natzing informieren.

 

Was ist im Gewerbegebiet Natzing passiert?

In den Oberflächenwasser- bzw. Niederschlagswasserkanal im Gewerbegebiet Natzing wurde illegal hoch PFAS-belastetes Löschmittel eingeleitet und entsorgt. Die Einleitung wurde erstmals am 21.03.2021 beobachtet.

 

Am 02.04.2021 wurde das Vorgehen erneut beobachtet und der Täter konnte festgenommen werden. Das Löschmittel gelangte über den Oberflächenwasserkanal des Gewerbegebietes in ein Auffangbecken am Rande des Gewerbegebietes, ein sog. Retentionsbodenfilter (RBF), und anschließend in die nachgeschaltete Versickerungsanlage und damit in das Grundwasser.

 

Seit Bekanntwerden des Schadens am 02.04.2021 wurden seitens des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim und dem von der Gemeinde Eggstätt beauftragten Ingenieurbüro R & H Umwelt GmbH zahlreiche Bohrungen abgeteuft sowie Wasser- und Boden-Proben zur Erkundung des Schadens entnommen, ausgewertet und Sofortmaßnahmen zur Sanierung eingeleitet. Alle Maßnahmen erfolgen in enger und laufender Abstimmung zwischen dem Landratsamt Rosenheim, dem Wasserwirtschaftsamt, dem GUZV Rosenheim, der Gemeinde Eggstätt und dem eingeschalteten Fachgutachterbüro.

 

 

Was bedeuten PFAS, PFOA, PFOS, PFC und PFT?

Das Umweltbundesamt erklärt:

Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS), auch bekannt unter der Abkürzung „PFC“ (per- und polyfluorierte Chemikalien) beschreiben eine Chemikaliengruppe zu der mittlerweile mehr als 4.700 verschiedene Einzelsubstanzen gezählt werden. Es handelt sich dabei um naturfremde, industriell hergestellte Chemikalien (anthropogen). Aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften werden sie u.a. in Feuerlöschschäumen und galvanischen Bädern, aber auch in antihaft-beschichtetem Kochgeschirr, Outdoorkleidung und Lebensmittelverpackungen verwendet.

 

Zu der PFAS-Stoffgruppe, zählen u.a. auch die beiden bekanntesten Vertreter PFOA und PFOS. Seit einiger Zeit bzw. seit PFOA und PFOS unter die sog. REACH-Verordnung fallen und nicht mehr verwendet werden dürfen, werden vermehrt die sog. Vorläuferverbindungen (Präkursoren) eingesetzt. Zu dieser neuesten PFAS-Generation zählen unter anderem auch die Stoffe CDPOS und DPOSA, auch bekannt als sog. Capstone-Produkte, welche in Natzing die höchsten Konzentrationen ausmachen.

 

Präkursoren sind fluororganische Verbindungen (PFC), die (noch) keine perfluorierten Carbonsäuren oder Sulfonsäuren (PFT) darstellen, aber dahin abgebaut werden können.

 

Quelle: uba_sp_pfas_web_0.pdf (umweltbundesamt.de)

 

 

Wie ist der aktuelle Sanierungsstand?

Kanal

Seit Bekanntwerden des Schadens wurde der Ablauf des Retentionsbodenfilters geschlossen, sodass kein weiteres PFAS-belastetes Niederschlagswasser aus dem Kanal in das Grundwasser versickern konnte. Der Kanal wurde am 21.04.2021 mit Frischwasser gespült, das Spülwasser in IBC’s gesammelt und letztlich über die zwischenzeitlich installierte (Grund-)Wasserreinigungsanlage gereinigt. Die PFAS-Konzentrationen im Kanal konnten durch die Spülung bereits deutlich reduziert werden. Derzeit muss noch ausgewertet werden, ob weitere Spülungen des Kanals zur Eliminierung der verbliebenen Restkontamination notwendig sind.

 

Boden

Das hochbelastete oberflächennahe Erdreich im Retentionsbodenfilter wurde als Sofortmaßnahme in zwei Aushubkampagnen (22.04.2021 und 28./29.04.2021) ausgehoben und geregelt entsorgt.

 

Im Juni 2021 wurden Rammkernsondierungen im Retentionsbodenfilter abgeteuft. Anhand der gewonnenen Bodenproben konnte die Restbelastung im anstehenden Boden auf 0,5 m unter der jetzigen Beckensohle eingegrenzt werden, sodass – sobald der Retentionsbodenfilter wasserfrei ist – der noch belastete Boden ausgehoben werden kann. Anschließend soll das Becken wieder neu aufgebaut und seiner Funktion als Retentionsbodenfilter wieder zugeführt werden.

 

Grundwasser

Zur Überprüfung der Grundwasserbelastung im direkten Umfeld des Retentionsbodenfilters und der zugehörigen Versickerungsanlage wurden zwei Grundwassermessstellen errichtet. Die Auswertungen ergaben eine sanierungsrelevante Belastung des Grundwassers mit PFAS. Außerdem wurden bzw. werden bereits bestehende Grundwassermessstellen im Zustrom/Anstrombereich zu den Brunnen des Wasserversorgung Endorf analytisch untersucht und die Grundwasserfließrichtung sowie -geschwindigkeiten ermittelt. Damit kann das Schadensbild sehr gut beschrieben werden, eine unmittelbare Gefährdung der Trinkwasserbrunnen ist auf Grund dieser Erkenntnisse nicht zu besorgen.

In den kommenden Wochen werden weitere Grundwassermessstellen zur vollständigen Abgrenzung des Grundwasserschadens errichtet.

 

Grundwassersanierung

Am 19.05.2021 wurde die Firma Züblin Umwelttechnik mit der Lieferung und Installation einer Wasserreinigungsanlage, speziell zur Reinigung von PFAS-belastetem Wasser, beauftragt.

 

Die Inbetriebnahme der Anlage erfolgte am 31.05.2021. Seither wird das aus dem Oberflächenwasserkanal in das abgesperrte Becken (RBF) eingeleitete Regenwasser – und seit dem 29.06.2021 auch das aus der neu errichteten Grundwassermessstelle GWM 2 geförderte Grundwasser (Förderleistung 4 l/s bzw. 14,4 m3/h) - gereinigt und das gereinigte Wasser anschließend im Sickerbecken wieder versickert. Ab dem 02.08.2021 wird das Wasser nach der Reinigungsanlage über den am 07.07.2021 gebohrten Schluckbrunnen im Osten des RBF wieder dem Grundwasser zugeführt. Mit der Pumpmaßnahme in GWM 2 wird sowohl ein Austrag von PFAS aus dem Grundwasser erreicht als auch durch die Erstellung eines Absenktrichters ein weiteres Abströmen von PFAS belastetem Grundwasser aus dem Bereich des RBF verhindert.

 

Die Reinigungsanlage wird monatlich durch die Fa. Züblin Umwelttechnik gewartet. Die Beprobung bzw. analytische Überwachung erfolgt durch die R & H Umwelt GmbH im zweiwöchentlichen Rhythmus.

 

 

Wie gelangen PFAS in den menschlichen Organismus?

Laut Umweltbundesamt kann der Mensch über die verschiedensten Quellen PFAS aufnehmen. Dies kann z.B. über PFAS-haltige Alltags-Gegenstände wie Geschirr oder Lebensmittelverpackungen geschehen. Hier können sich Mikropartikel von den beschichteten Flächen lösen. Eine weitere Möglichkeit wäre die Aufnahme von Wasser, Pflanzen oder Tierprodukten. Auch hier haben sich die inzwischen ubiquitär vorkommenden PFAS angereichert. PFAS kann vom menschlichen Körper nicht zersetzt werden, jedoch wird dieser spätestens nach sechs Jahren wieder langsam ausgeschieden.

 

Quelle:https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/chemikalien-reach/stoffe-ihre-eigenschaften/stoffgruppen/per-polyfluorierte-chemikalien-pfc/besorgniserregende-eigenschaften-von-pfc

 

 

Wie wirken sich PFAS auf den Menschen aus?

Stand heute gibt es auf EU- und auf Bundesebene nur Empfehlungen, aber keine gesetzlich festgeschriebenen Höchstgrenzen für PFAS. Laut Umweltbundesamt fanden Wissenschaftler in Studien mit Ratten heraus, dass PFOS und PFOA nur mäßig toxisch sind, wenn sie über einen nur kurzen Zeitraum aufgenommen werden. Dagegen führten Langzeitstudien mit den Tieren zum Ergebnis, dass die beiden PFAS-Stoffe die Entstehung von Leberkrebs und anderen Tumoren bei diesen Tieren fördern. Die Studienergebnisse mit Nagetieren können aber nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen werden, da es große körperliche Unterschiede gibt z.B. beim Stoffwechsel oder Ablauf von biochemischen Prozessen.

 

Quelle:https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/chemikalien-reach/stoffe-ihre-eigenschaften/stoffgruppen/per-polyfluorierte-chemikalien-pfc/besorgniserregende-eigenschaften-von-pfc

 

Was wir wissen müssen: Die EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) hat die aktuellen Richtwerte aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse stark erhöht und verschärft. Der TDI (tolerable daily intake) Wert für PFOS betrug zuletzt 0,15 µg PFOS/kg Körpergewicht eines 70 kg schweren Durchschnittverzehrers (0,15 µg = 150 ng).

 

 

Besteht eine Gefahr für das Trinkwasser?

Das Wasserwerk Endorf lässt das Trinkwasser seit Bekanntwerden der illegalen Einleitung hin regelmäßig auf PFAS untersuchen. Bis dato wurden in den Trinkwasserbrunnen und in den Vorfeldmessstellen keine PFAS analysiert.

 

Im Grundwasserzustrom zu den Trinkwasserbrunnen der Wasserversorgung Endorf befinden sich mehrere Messstellen, weitere werden in den kommenden Wochen errichtet. Diese Grundwassermessstellen werden durch das Ingenieurbüro R & H Umwelt GmbH regelmäßig beprobt und ermittelt, ob und wie sich die PFAS-Schadstofffahne vom Retentionsbodenfilter ausbreitet, sodass im Falle einer Schadstoffverlagerung rechtzeitig mit Gegen-/Sanierungsmaßnahmen reagiert werden kann. Bei einer Fließgeschwindigkeit des Grundwassers von nur ca. 0,5 – 1 Meter pro Tag besteht keinerlei Besorgnis einer überraschenden Belastung der Trinkwasserbrunnen mit PFAS.

 

Auskünfte zu den aktuellen PFAS-Werten erteilt das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim, Telefon 08031/305-01 oder per E-Mail an poststelle@wwa-ro.bayern.de